Was bedeutet es, eine „gute Frau“ zu sein?
Ich bin in Usbekistan aufgewachsen – in einer Gesellschaft, in der Mädchen sehr früh lernen, was es bedeutet, eine „gute Frau“ zu sein.
Dabei spreche ich bewusst nicht von der usbekischen Frau oder der usbekischen Familie. Usbekistan ist ein vielfältiges Land, in dem zahlreiche ethnische und kulturelle Gemeinschaften zusammenleben und Familien sehr unterschiedlich geprägt sind. Und doch gibt es Vorstellungen vom Frausein, die mir während meiner Kindheit und Jugend immer wieder begegnet sind.
Sobald bei der Geburt feststeht: „Qiz bola ekan“ – „Es ist ein Mädchen“ –, beginnt gewissermaßen ein unausgesprochenes Protokoll. Mädchen lernen früh, welche Eigenschaften später von ihnen erwartet werden: Sie sollen fleißig sein, gut kochen und backen können, putzen, den Hof kehren, früh aufstehen und sich um die Familie kümmern. Sie sollen sich „anständig“ kleiden, keinen Freund haben, nicht zu laut sein und möglichst niemandem widersprechen.
Erfüllt eine Tochter all diese Erwartungen, kann sie zum Stolz ihrer Familie werden. Denn dieses Ideal ist so umfassend, dass es kaum zu erreichen ist. Verstehen Sie mich nicht falsch: Natürlich leben nicht alle Frauen in Usbekistan auf diese Weise. Und nicht jede Familie erwartet dasselbe von ihren Töchtern. Ich schreibe über Erwartungen, die meine Kindheit begleitet haben – und über gesellschaftliche Vorstellungen, die bis heute existieren.
Ich zum Beispiel habe mein ganzes Leben lang widersprochen.
Selbst Sanktionen und Strafen meiner Eltern konnten mir diese Sturheit nicht austreiben. Im Haushalt dagegen war ich ziemlich vorbildlich: Ich konnte putzen, backen, den Hof kehren und früh aufstehen. Mein Kleidungsstil war ebenfalls tadellos – hauptsächlich, weil er langweilig und persönlichkeitslos war.
Aber ich war frech und ich hatte eine Meinung. Eine der größten Sorgen meiner Mutter war deshalb, dass mein zukünftiger Mann mich irgendwann „rausschmeißen“ könnte. Schließlich, so die Vorstellung, wolle niemand eine Göre zur Ehefrau haben. Heute muss ich darüber manchmal lächeln. Damals war es weniger lustig. Denn hinter solchen Sätzen stand eine größere Botschaft: Ein Mädchen sollte lernen, sich anzupassen. Nicht nur für ihre Eltern, sondern für die Familie, in die sie eines Tages einheiraten würde.
Ich erinnere mich an Sommerabende, an denen alle draußen saßen und die älteren Frauen der Nachbarschaft über die Familien und ihre Töchter sprachen.
„Rustams Tochter ist wirklich fleißig, wunderschön und klug. Abeeer … habt ihr gehört? Anwars Tochter wurde letzte Woche im Park mit einem Jungen gesehen. Was für eine Schande! Ihre Eltern müssen sie schnell verheiraten, bevor sie noch mehr Schande über die Familie bringt.“ Solche Gespräche mögen banal wirken. Aber sie zeigen, wie stark gesellschaftliche Kontrolle funktionieren kann, ohne dass es dafür Gesetze oder offizielle Regeln braucht. Es reicht, wenn alle beobachten und alle reden.
Interessanterweise sind es nicht ausschließlich Männer, die patriarchale Vorstellungen weitertragen. Auch Frauen können sie von Generation zu Generation weitergeben. Manche Mütter erziehen ihre Töchter streng und erwarten von ihnen Zurückhaltung und Gehorsam, während ihren Söhnen deutlich mehr Freiheiten zugestanden werden.
Dabei gibt es ein besonders wirkungsvolles Instrument:
Schande.
Dieses Konzept hatte uns – zumindest mich und einige meiner Freundinnen – lange fest im Griff.
Was als „Schande“ gilt, kann sehr unterschiedlich sein. In meiner Erinnerung gehörten dazu jedoch erstaunlich viele Dinge, die für mich heute Ausdruck eines selbstbestimmten Lebens sind:
selbst zu entscheiden, was man trägt. Einen Freund zu haben. Sich auffällig zu schminken. Zu widersprechen. Kreativ zu sein. Studium oder Arbeit wichtig zu nehmen. Nicht heiraten zu wollen. Über die eigene Sexualität selbst zu bestimmen. Ein Leben zu wählen, das nicht den Erwartungen anderer entspricht.
Vielleicht liegt genau darin die Macht von Scham: Irgendwann braucht es niemanden mehr, der einem sagt, was man tun darf und was nicht.
Man beginnt, sich selbst zu kontrollieren.
Sind Sie eine „gute Frau“?
Machen wir ein kleines Gedankenexperiment.
Nach den traditionellen Erwartungen, mit denen ich aufgewachsen bin, könnte die Checkliste einer „guten Frau“ ungefähr so aussehen:
Sind Sie verheiratet?
Haben Sie Ihren ersten Freund geheiratet? Noch besser: Sie hatten vorher überhaupt keinen Freund und lernten Ihren Mann erst kennen, als Sie bereit waren zu heiraten.
Waren Sie Jungfrau, als Sie geheiratet haben?
Steht Ihre Familie im Mittelpunkt Ihres gesamten Lebens?
Kochen, backen, putzen, waschen und räumen Sie zu Hause auf?
Vergöttern Sie Ihren Mann?
Kommen Sie mit Ihren Schwiegereltern gut zurecht?
Helfen Sie regelmäßig im Haushalt Ihrer Schwiegereltern?
Achten Sie darauf, dass auch Ihre Tochter demütig und brav erzogen wird?
Tragen Sie Kleidung, die Ihren Körper möglichst bedeckt und Ihre Figur nicht betont, damit niemand über Sie spricht?
Je mehr Fragen Sie mit Ja beantworten, desto näher kommen Sie diesem traditionellen Idealbild.
Ich selbst erreiche vielleicht 30 Prozent.
Nach diesen Maßstäben bin ich also vermutlich keine besonders „gute“ Frau.
Die Checkliste ist bewusst überspitzt. Und trotzdem steckt in ihr eine Realität, die manche Frauen sehr gut kennen – nicht nur in Usbekistan.
Was wäre, wenn wir unsere Energie anders einsetzen würden?
Diese Frage beschäftigt mich heute am meisten.
Was könnten Frauen erreichen, wenn ein Teil der Energie, die dafür aufgewendet wird, Erwartungen zu erfüllen, nicht aufzufallen und das Urteil anderer zu vermeiden, stattdessen in die eigene Entwicklung fließen würde?
Immer wieder höre ich Geschichten aus Usbekistan von Frauen, die nach einer Scheidung ein neues Leben beginnen, ein Unternehmen gründen, finanziell unabhängig werden oder sich zum ersten Mal erlauben, Entscheidungen ausschließlich für sich selbst zu treffen. Mich faszinieren diese Geschichten sehr.
Vielleicht auch deshalb, weil sie zeigen, dass Tradition und Selbstbestimmung nicht zwangsläufig Gegensätze sein müssen. Man kann seine Herkunft lieben und trotzdem manche ihrer Regeln hinterfragen. Man kann Traditionen bewahren und gleichzeitig entscheiden, welche davon man an die nächste Generation weitergeben möchte.

