Was kostet eine Weste – und was ist sie wert?

Über Handarbeit, faire Preise und die Menschen hinter unserer Kleidung

„650 Euro für eine Weste? Das ist fast mein Monatslohn.“

Diesen Satz sagte einmal eine Frau zu mir, als sie den Preis einer unserer Westen sah.

Und ich kann ihre Reaktion verstehen.

650 Euro sind viel Geld. Gleichzeitig hatte ich vor einiger Zeit eine Kundin, die ein ganzes Jahr lang für eine unserer Westen gespart hatte. Als sie ihre maßgeschneiderte Weste schließlich abholen konnte, erzählte sie mir davon. Ich war tief berührt.

Diese beiden Begegnungen sind mir geblieben, weil sie eine Frage berühren, mit der ich mich seit der Gründung von My Little Bukhara immer wieder beschäftige:

Was darf Kleidung kosten?

Und vielleicht noch wichtiger:

Was ist Kleidung wert?

Eine Weste beginnt lange vor dem fertigen Kleidungsstück

Wenn Sie eine unserer Westen in den Händen halten, sehen Sie zunächst Stoff, Stickerei, Farben und einen Schnitt.

Was Sie nicht unmittelbar sehen, sind die vielen Hände, durch die dieses Kleidungsstück gegangen ist.

An der Herstellung einer Weste arbeiten mehrere Kunsthandwerkerinnen in Usbekistan. Am Anfang stehen die Materialien. Wir wählen den Stoff und – bei unseren Modellen mit Pelzbesatz – hochwertigen recycelten Pelz aus. Anschließend beginnt die Schneiderin mit dem Zuschnitt. Der Stoff wird nach den gewünschten Maßen vorbereitet und danach an eine Stickerin weitergegeben, die die Motive von Hand auf den Stoff bringt. Erst danach wird aus den einzelnen Teilen langsam eine Weste. Eine Näherin setzt das Kleidungsstück zusammen, eine weitere verarbeitet den Pelzbesatz. Viele Arbeitsschritte greifen ineinander, bis nach mehreren Tagen aus Stoff, Stickerei und Handarbeit ein fertiges Kleidungsstück entsteht. Allein für die Herstellung einer Weste in Usbekistan zahlen wir – abhängig von Materialpreisen, Jahreszeit und Marktsituation – etwa 220 bis 250 Euro.

Doch mit der Fertigstellung endet ihre Reise noch nicht.

Von Bukhara nach Deutschland

Die fertige Weste reist anschließend von Usbekistan nach Deutschland.

Der internationale Versand kostet etwa 50 bis 60 Euro pro Weste. Hinzu kommen Verpackung, Versand innerhalb Deutschlands und Gebühren der Zahlungsanbieter. Dann gibt es einen Kostenpunkt, der für My Little Bukhara besonders wichtig ist: die Präsenz im stationären Handel. Ich habe mit der Zeit verstanden, dass unsere Kleidung erlebt werden muss. Sie anziehen und beobachten, wie sich ein traditionelles Handwerk aus Usbekistan plötzlich mit der eigenen Garderobe verbindet. Ein großer Teil unserer Kundinnen entscheidet sich deshalb erst nach einer persönlichen Anprobe für ein Kleidungsstück. Für uns bedeutet diese Präsenz gleichzeitig zusätzliche Kosten. Je nach Geschäft und Verkaufsmodell entstehen Provisionen oder Mietkosten. Beim Verkauf einer Weste können allein dafür zwischen 195 und 260 Euro anfallen.

Dazu kommen die Kosten, die man einem einzelnen Kleidungsstück nicht ansehen kann: unsere Webseite, Fotografie, Bildbearbeitung, Verpackungen, Marketing, Reisen, Produktentwicklung und all die Arbeit, die notwendig ist, damit aus einem Kleidungsstück eine Marke entstehen kann. So setzt sich ein Preis zusammen, der auf den ersten Blick vielleicht hoch erscheint.

Warum wir nicht über den Preis der Handarbeit verhandeln

Seit der Gründung von My Little Bukhara gibt es einige Prinzipien, die mir besonders wichtig sind. Eines davon lautet: Wir verhandeln die Arbeit unserer Kunsthandwerkerinnen nicht herunter.

Ich glaube daran, dass eine der unmittelbarsten Möglichkeiten, traditionelles Handwerk zu unterstützen, darin besteht, Aufträge zu vergeben – und die Menschen, die diese Arbeit ausführen, angemessen dafür zu bezahlen. Genau mit diesem Gedanken habe ich My Little Bukhara gegründet. Deshalb versuchen wir nicht, unsere Margen dadurch zu erhöhen, dass wir die Produktionspreise vor Ort immer weiter drücken.

Fairness bedeutet für uns auch Zeit

Faire Zusammenarbeit besteht für mich aber nicht nur aus Geld. Sie besteht auch aus Zeit. Wir arbeiten ohne künstlichen Termindruck und versuchen, unsere Planung an die Lebensrealität der Frauen anzupassen, mit denen wir zusammenarbeiten. Familie, Feiertage, persönliche Verpflichtungen oder unerwartete Ereignisse gehören zum Leben dazu. Eine Kollektion muss sich manchmal danach richten – nicht umgekehrt.

Das mag selbstverständlich klingen. In der Modeindustrie, die von immer kürzeren Produktionszyklen geprägt ist, ist es das jedoch nicht. Unsere Maßanfertigungen gehören zu dieser Haltung. Viele unserer Kleidungsstücke können individuell angepasst werden. Das bedeutet zusätzliche Kommunikation und zusätzliche Arbeit – gleichzeitig ermöglicht es uns, Kleidung zu schaffen, die für eine konkrete Person entsteht und nicht für einen anonymen Körper auf einer Größentabelle.

Unsere Entscheidung bei My Little Bukhara ist, Kleidung nicht möglichst billig herstellen zu lassen, sondern Stücke entstehen zu lassen, deren Herkunft wir kennen und deren Geschichte wir erzählen können.

Vielleicht ist das für mich der eigentliche Wert unserer Kleidung. Nicht, dass sie 650 Euro kostet. Sondern dass wir wissen, wer sie gemacht hat, woher sie kommt und welche Geschichte wir mit ihr weitertragen. Denn jedes Kleidungsstück erzählt eine Geschichte. Und wir entscheiden mit dem, was wir tragen, welche Geschichten wir weiterleben lassen.

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